12 prägende Sozialdemokrat*innen: Marie Juchacz

Veröffentlicht am 15.07.2019 in Allgemein
Marie Juchacz - SPD-Politikerin
und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt

geboren am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe
gestorben am 28. Januar 1956 in Düsseldorf

“Die Frauen ... wollen keinen Bürgerkrieg, wollen keinen Völkerkrieg… Die Frauen ... durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit allen Kräften entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke…”

Mit diesen mutigen und klaren Worten greift die langjährige SPD-Reichstagsabgeordnete Marie Juchacs 1932 als einzige Frau in die tumultartige Debatte um die Reichspräsidentenwahl ein. Schon 1919 war sie die erste Frau gewesen, die in einem deutschen Parlament, der Weimarer Nationalversammlung, das Wort ergriffen hatte. Sie hatte die Freiheit und Gleichberechtigung der Frauen eingefordert und die Sozialpolitik zur Hauptaufgabe der Frauen erklärt. Als Abgeordnete setzte sie sich vor allem für Kinder- und Jugendgesetzgebung, fortschrittliche Wohlfahrtsgesetze und für Frauenrechte ein. So verfocht sie die Straffreiheit bei Abtreibungen im ersten Trimester und sprach 1926 vor dem Parlament von den seelischen Konflikten der Arbeiterfrauen, die aus Verantwortungsgefühl und Verzweiflung abtreiben.

Sie selbst hatte in ihrer Jugend in der Kleinstadt Landsberg unverdiente wirtschaftliche Not kennengelernt, auch schwere Fabrikarbeit geleistet, und als intelligente, wißbegierige Schülerin darunter gelitten, daß das Geld nur für die schlechte Volksschule reichte. Ihr Bruder hatte sie zur SPD gebracht und ihr damit neue Hoffnungen und Ziele eröffnet. Mit ihrer geliebten Schwester Elisabeth Kirschmann-Röhl, die ihre engste Verbündete und Vertraute war, ging sie nach ihrer kurzen Ehe nach Berlin, wo die beiden Frauen gemeinsam ihre Kinder erzogen und sich neben ihrer Erwerbsarbeit als Schneiderinnen in den Frauenarbeitervereinen der SPD engagierten. Bald waren sie gefragte Rednerinnen.

Seit 1917 war Juchacz hauptberuflich als Frauensekretärin im SPD-Vorstand. Als nach dem 1. Weltkrieg die SPD-Frauen wieder aus der Wohlfahrtsarbeit hinausgedrängt werden sollten, gründete Juchacz 1919 mit der Arbeiterwohlfahrt eine eigene Wohlfahrtsorganisation für die SPD. Unter ihrer Leitung und durch die engagierte Arbeit vor allem von Frauen auf allen Ebenen war die Organisation schnell überall in Deutschland erfolgreich. Der zentrale Gedanke war die solidarische Selbsthilfe der ArbeiterInnen statt gönnerhafter Wohlfahrt durch bürgerliche Organisationen. Juchacs versuchte, Prinzipien sozialistischer Wohlfahrtspflege umzusetzen. So entstanden fortschrittliche Heime wie der Immenhof und eine Wohlfahrtsschule zur Ausbildung von Fürsorgerinnen in Berlin.

1933 bedeutete ein abruptes Ende dieser erfolgreichen Aktivitäten. Juchacz mußte vor den Nazis fliehen, erst nach Frankreich, dann in die USA. Aber selbst in den schwierigen und gefährlichen Jahren des Exils fand sie noch Möglichkeit zu helfen. In Frankreich organisierte sie Mittagstische für EmigrantInnen und später in New York baute sie die ” Arbeiterwohlfahrt USA - Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus” auf. Seit 1949 wieder in Deutschland, begleitete sie als Ehrenpräsidentin den Wiederaufbau der AWO mit den letzten Kräften, die ihr geblieben waren.

Verfasserin: Gabriele Koch , Quelle: Fembio 

 

Literatur & Quellen

Dertinger, Antje.1983a. “'Für Sozialpolitik besonders geeignet' - Marie Juchacz: Parlamentarierin und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt”, Das Parlament Nr. 51-52; 24./31. 12.1983.

Dertinger, Antje. 1988. “Marie Juchacs, 1879-1956: Die erste Frau, die im Parlament zum Volke sprach”. In: Sie waren die Ersten: Frauen in der Arbeiterbewegung. Hg. Dieter Schneider. Frankfurt/M. Büchergilde Gutenberg.

Hasenclever, Christa. Hg. 1979. Marie Juchacz: Gründerin der Arbeiterwohlfahrt. Leben und Werk. Bonn. Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V.

Juchacz, Marie. 1955. Sie lebten für eine bessere Welt: Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Berlin; Hannover. Dietz Verlag Nachf.

Lemke, Lotte. o.J. “Marie Juchacz: Gründerin der Arbeiterwohlfahrt. 1879-1956”. In: Grassl, Dr. Erich. Hg. Kampf ohne Waffen - Helfer der Menschen. Bd. 2. Donauwörth. Ludwig Auer.

Miller, Susanne. 1984. “Die Parlamentarierinnen der ersten Generation sind ihren Lebenszielen treu geblieben”. In: Antje Huber. Hg. Die Sozialdemokratinnen: Verdient die Nachtigall Lob, wenn sie singt? Stuttgart. Herford. Seewald Verlag. S. 39-79.

Quataert, Jean H. 1979. Reluctant Feminists in German Social Democracy 1885-1917. Princeton, NJ. Princeton UP.

 

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