12 prägende Sozialdemokrat*Innen: Johanna Kirchner

Veröffentlicht am 15.10.2018 in Allgemein
Johanna Kirchner
Johanna Kirchner

„Eure Liebe und eure Tapferkeit sind mir Trost und Beruhigung in meiner letzten Stunde. […] ich lebe immer in eurer Erinnerung.” Diese Abschiedsworte an ihre Töchter Lotte und Inge schrieb Johanna Kirchner kurz vor ihrer Hinrichtung am 9.Juni 1944 aus dem Gefängnis. Tapfer und unverzagt, wie sie gelebt hatte, ging die überzeugte Sozialdemokratin und unbeugsame Gegnerin des NS-Regimes in den Tod.

Aus einer traditionsreichen sozialdemokratischen Familie

Hanna Kirchner wuchs in einer Familie auf, die der Sozialdemokratie traditionell eng verbunden war. Die Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits gehörten zu den Begründern der Frankfurter SPD. Beide Eltern Karoline und Heinrich Stunz waren politisch engagiert und auch alle sechs Kinder sollten sich zu politisch regen Persönlichkeiten entwickeln.

Die Mutter Karoline organisierte bereits 1891 die Gründung eines „Vereins zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen”; er wurde jedoch 1899 wieder aufgelöst. Gewiss hatte dieses politisch - familiäre und gesellige Umfeld die frühen Lebensjahre von Hanna, so nannte sie sich, geprägt.
Hanna besuchte nach Abschluss der Volksschule eine Handelsschule und erlernte den Beruf einer Sekretärin mit dem Wunsch nach zukünftiger Erwerbstätigkeit. Für ein Mädchen, das aus einfachem städtischen Milieu stammte, war dies durchaus ungewöhnlich; ebenso wie ihr frühes politisches Engagement. Hanna war bereits im Alter von 14 Jahren in die sozialistische Arbeiterjugend eingetreten.

Für eine bessere Rechtsstellung von Frauen und Kindern

In diesem Kontext lernte sie den Journalisten und SPD-Politiker Karl Kirchner (1883-1945) kennen, mit dem sie eng zusammen arbeitete. Sie wurden ein Paar, die Tochter Lotte wurde geboren und sie heirateten 1913. Während des 1. Weltkriegs war Kirchner für die Kriegsfürsorge zuständig und Hanna arbeitete nach Kriegsende wieder eng mit ihm zusammen. Außerdem berichtete sie für die „Volksstimme” über Partei- und Gewerkschaftskongresse, wobei sie sich zunehmend auf die Sozial- und Jugendpolitik spezialisierte. 1919 wurde sie Vorstandsmitglied der Frankfurter SPD.
Hanna Kirchner war Mutter nunmehr zweier Töchter (Lotte, geb. 1911 und Inge, geb. 1913). In ihrem unmittelbaren Umfeld erlebte sie viel unverdiente, wirtschaftliche Not und kümmerte sich demzufolge verstärkt um den Aufbau der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, deren Mitbegründerin sie war. Als Mitarbeiterin der Geschäftsstelle sorgte sie für den Ausbau der Jugendgerichtshilfe; außerdem vermittelte sie das Anliegen der AWO nun überregional auf Kongressen mit Referaten über gesundheitliche Verbesserungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche. 1920 lernte sie auf dem Parteitag in Kassel die Begründerin der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz (1879-1956) kennen, die bis 1933 deren Vorsitz innehatte. Unter ihrer Leitung war die Arbeiterwohlfahrt 1919 zur modernen Wohlfahrtspflege für die sozialdemokratische Arbeiterschaft ausgebaut worden.
Marie Juchacz war die erste Parlamentarierin, die am 19.2.1919 nach der Erlangung des Frauenwahlrechts in der Weimarer Nationalversammlung sprach. Auch Kirchner engagierte sich mit großem Elan in der Frauenbewegung, wobei ihr Hauptaugenmerk der Kinder- und Jugendwohlfahrt galt und besonders der gesundheitlichen Versorgung von Kindern. Sie waren die eigentlichen Leidtragenden während des Krieges und in der Inflationszeit. Kirchner kümmerte sich daher u.a. um Erholungsaufenthalte für Kinder in der Schweiz. 1923 organisierte sie für die Kinder und Jugendlichen aus dem besetzten Ruhrgebiet geeignete Unterbringungen in Frankfurter Familien. Es waren ihre guten Kontakte zu allen Schichten der Bevölkerung, die es ihr ermöglichten, Hilfe zu leisten. Immer wieder fand sie Mithelfer, die ihre Projekte unterstützten.
1926 wurde Hanna Kirchner hauptamtliche Sekretärin der SPD und verlegte damit den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf die Politik und die Frauenbewegung. Ihr Anliegen war künftig die Verbesserung der Rechtsstellung von Frauen und Kindern. Das Ehepaar Kirchner war mittlerweile einvernehmlich geschieden, die beiden Töchter Lotte und Inge lebten beim Vater.

Auf dem Weg ins Exil

Unermüdlich kämpfte Hanna gleichzeitig auf allen möglichen Ebenen gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Durch einen Bekannten aus der Sozialdemokratie erhielt sie 1933 den entscheidenden Hinweis, dass ihr eine baldige Verhaftung drohe. Innerhalb der SPD riet man ihr dringend zur Emigration. Nun suchte Hanna Kirchner kurz entschlossen nach einem Ort, der sie und ihre Widerstandstätigkeit vor der nationalsozialistischen Verfolgung bewahren sollte und von dem aus sie weiterhin den Frankfurter GenossInnen Beistand leisten konnte.
Sie musste über eine starke Persönlichkeitsstruktur verfügt haben, um solch kritische Situationen aushalten zu können. Hatte sie doch kurz entschlossen am 2. Mai 1933 die Mitgliederkartei der Frankfurter SPD in ihrer Bluse versteckt, aus dem Parteibüro im Gewerkschaftshaus, freundlich lächelnd an den SA-Posten vorbei, in Sicherheit gebracht.

Wie brachte sie wohl diese Zivilcourage auf und woher bezog sie die Kraft für ihre späteren Handlungen? Wie gelang ihr dieser kraftraubende Spagat zwischen den Anstrengungen während der Emigrationszeit und dem Verlust der Nähe zu ihren Töchtern und ihrer Familie?
Die Entscheidung für die Emigration mag daher alles andere als leicht für sie gewesen sein. Sie entschied sich für das seit 1933 französisch besetzte Saargebiet, das nach dem 1. Weltkrieg unter das Mandat des Völkerbundes gestellt worden war und damals als sichere Adresse galt. Hier begegnete sie einigen bekannten Mitstreiterinnen, wie der ebenfalls emigrierten Marie Juchacz und der Frankfurter Freundin und Kommunistin Lore Wolf (1900-1996).
Kirchners Aufgabe war es in Saarbrücken, im SPD-Büro Aufklärungsmaterial und Informationen nach Frankfurt zu übermitteln und Berichte an den Exilvorstand zu verfassen. Außerdem kümmerte sie sich um die Betreuung politisch Verfolgter. Bereits zwei Jahre später war sie wieder auf der Flucht, als nämlich die Bevölkerung des Saarlandes in einer Volksabstimmung im Januar 1935 für den Anschluss an Deutschland stimmte.
Sie übersiedelte deshalb ins elsässische Forbach, direkt an der Grenze zum Saarland gelegen und baute hier erneut eine Flüchtlingsberatungsstelle auf. Die Betreuung politischer Emigranten war ein wichtiger Teil ihrer Arbeit, wie auch das Sammeln von Nachrichten aus dem Reich, vor allem aus Frankfurt und der Versand von Informationen für Widerstandsgruppen.

Ihre Töchter Lotte (23) und Inge (21) besuchten die Mutter im französischen Exil mit dem Fahrrad. Diese „Familienbesuche” dienten nebenbei dem Transport von Materialien und der Überbringung von Informationen nach Frankfurt und zurück. „Aber zu dieser Zeit, so etwa Anfang 1934, ist eben auch versucht worden, möglichst viel Material unter den SPD-Genossen und -Sympathisanten hier im Reichsgebiet zu verteilen. Die meisten dieser Materialien kamen aus dem Ausland […]” erinnerte sich Tochter Lotte. Viele Materialien, wie Gewerkschaftsmaterialien, Flugblätter und Tarnschriften, die von der internationalen Gewerkschaftsbewegung kamen, in denen auch Anweisungen für die Gewerkschaftsarbeit enthalten waren, brachte sie so nach Frankfurt. Es handelte sich meistens um „[…]ganz kleine Zeitungen, die man in einer Streichholzschachtel unterbringen konnte. Wenn man sich als junges Mädchen, das ich ja damals war, etwas freundlich mit dem Zollbeamten unterhalten hat, wurde man eben etwas weniger kontrolliert. Wenn man diese Sachen halt unter ein bißchen Schokolade versteckt hat, konnte man bei der Kontrolle sagen, die hat man geschenkt bekommen, weil man eben gerne Schokolade ißt.
Aber das Wichtigste dabei waren natürlich teilweise die Sachen, die man im Kopf behalten mußte.”
 Ihre Mutter, erinnerte sich Lotte, ertrug zwar klaglos das Leben in der Emigration, doch litt sie schwer unter dem Heimweh nach Frankfurt und der Sorge um ihre Familie, um ihre Mädchen.

„Eure Liebe und eure Tapferkeit sind mir Trost und Beruhigung in meiner letzten Stunde.” – Flucht, Ergreifung und Tod

Gemeinsam mit einer SPD/KPD- Delegation versuchte Kirchner außerdem, die in Südfrankreich lebenden Kommunisten und Sozialdemokraten zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. 1937 wurde sie im Reichsanzeiger mit „Acht und Bann” belegt. Sie war damit eine der 387 Ausgebürgerten und musste Forbach 1939 auf Anordnung der französischen Polizei verlassen. Zunächst flüchtete sie nach Metz, wo man sie wie viele andere Emigranten nach dem deutschen Überfall auf Frankreich verhaftete. Hier begann ihr Leidensweg durch französische Internierungslager und deutsche Gefängnisse. Nach mehreren französischen Gefängnisaufenthalten landete sie im Lager Gurs. Zufällig erkannte sie der französische Lagerkommandant von ihrer Emigrantenarbeit in Forbach wieder und ließ sie frei. Ihr gelang die Flucht nach Avignon und weiter in das Kloster Aix-les Bains, wo sie sich versteckt hielt.
Doch 1942 wurde sie entdeckt und verraten, von der französischen Geheimpolizei verhaftet und kam schließlich in das Gefängnis nach Saarbrücken.

Die beiden Töchter erhielten Besuchserlaubnis und waren entsetzt über den Zustand ihrer ehemals lebensfrohen und aktiven Mutter, die erschöpft und ausgezehrt von den vielen „Verhören” durch die Gestapo war. Hanna Kirchner wurde anschließend nach Berlin transportiert, wo 1942 ihr Prozess vor dem berüchtigten Volksgerichtshof begann. Die Richter entschieden für eine Verurteilung zu 10 Jahren Zuchthaus. Tochter Inge besuchte ihre Mutter im Zuchthaus Cottbus, wo sie unter den vielen Genossinnen wieder Mut zu schöpfen schien und sogar andere Mitgefangene tröstete. Alle waren überzeugt davon, dass es für sie eine Zukunft geben würde und das NS-Regime nicht länger als 2-3 Jahre bestehen würde.
Doch nicht für Hanna Kirchner! Der fanatische Vorsitzende des Volksgerichtshofs Roland Freisler betrieb die Wiederaufnahme ihres Prozesses. Er gehörte übrigens als einer der 15 Teilnehmer an der Wannseekonferenz zu den maßgeblichen Verantwortlichen für die Organisation des Holocaust.
Am 29. April 1944 erging nach einer halbstündigen Verhandlung das Todesurteil für Johanna Kirchner.
Hanna wurde ins Frauengefängnis Berlin-Moabit verlegt und begegnete hier ihrer Jugendfreundin und kommunistischen Mitstreiterin Lore Wolf. Wolf, die zunächst vom Gemütszustand und Aussehen ihrer Freundin zutiefst erschüttert war, schildert in ihren Erinnerungen, wie froh beide dennoch waren, in jenem Abgrund einen vertrauten Menschen zu haben. Sie spendeten sich gegenseitig Trost und Freundschaft.
Am 9. Juni 1944 wurde das Urteil an Johanna Kirchner in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Gefasst und tapfer wie sie gelebt und gekämpft hatte, ging die 56 jährige nun ihren letzten Gang. So endete das kämpferische und selbstlose Leben der Johanna Kirchner.

„Trauert nicht um mich, ihr werdet glücklichere Zeiten erleben”
Beide Töchter und deren Familien blieben weiterhin widerständige Sozialdemokratinnen und Kämpferinnen für eine gerechtere Gesellschaft, wie auch viele andere Familienmitglieder ihrer sozialdemokratischen Gesinnung treu blieben. Der wohl bekannteste war Hanna Kirchners Neffe Rudi Arndt (1927-2004) - Frankfurts „legendärer” SPD-Oberbürgermeister von 1972-77.

 

Bildnachweis: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/johanna-kirchner/

Textnachweis: Ursula Kern 2018, Frankfurter Frauenzimmer, http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/ep10-detail.html?bio=dd

 

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