Frankfurt am Main: Mit der ganzen Welt auf Du

Veröffentlicht am 11.04.2017 in Stadtpolitik

Frankfurt am Main:Mit der ganzen Welt auf Du

Felicitas von Lovenberg wollte eigentlich nicht lange am Main bleiben. Es wurden 18 Jahre, viele davon als Literaturchefin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2016 hat sie die Leitung des Münchner Piper-Verlags übernommen. Der Abschied fiel ihr schwer. Frankfurt ist für sie eine Stadt, "die das Bleiben leichter macht als das Gehen".

Von Felicitas von Lovenberg

3. Januar 2017, 7:24 Uhr Zeit Online,  Erschienen in MERIAN30 Kommentare

Wenn es warm wird, treffen sich die Frankfurter an und auf ihrem Fluss. Zum Beispiel im Bootshaus am Eisernen Steg, das am Sachsenhäuser Mainufer festgemacht ist. © Markus Bassler für MERIAN

Gewöhnlich lebt man in Frankfurt zunächst nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwehr. Die meisten verschlägt der Beruf an den Main und nicht die Aussicht, sich in einer der lebenswertesten Städte Deutschlands niederzulassen. Als genau das jedoch entpuppt sich Frankfurt für seine Einwohner. Nur so ist auch zu verstehen, warum die Menschen, die hier leben, sich gegenseitig gern von ihrer Stadt vorschwärmen, während jene, die Frankfurt nur flüchtig kennen, es oft für langweilig halten. Die Wahrheit ist: In Frankfurt stapelt man gern tief. Sollen doch all die schicken Hamburger und Münchner, Berliner und Düsseldorfer den Standort am Main ruhig unterschätzen und glauben, dass hier zwischen den Hochhäusern der Banken und dem Gründerzeitflair Sachsenhausens nicht viel los ist. Frankfurter können dazu nur nachsichtig lächeln. Denn das Gegenteil ist der Fall. 

Frankfurt ist keine Stadt, in die man sich schnell verliebt. Und wenn, dann verguckt man sich höchstens in ihre oberflächlichen Reize – in die glitzernden Umrisse der Skyline, die vor allem bei Nacht den Eindruck einer Metropole vermittelt, in die kurze, aber potente Shoppingmeile Goethestraße, wo sich die weltweit üblichen Designer- und Markennamen aneinanderreihen. Oder man absolviert eine Ebbelwoi-Tour durch die Kneipen der Altstadt und glaubt, die Stadt damit vielleicht noch nicht auf Herz und Nieren, aber immerhin schon mal auf Leber und Blase getestet zu haben.

Das Frankfurt, das ich kennengelernt habe, ist eine Stadt für den zweiten, dritten und vierten Blick. Eine Stadt, die ihre beträchtlichen Vorzüge erst zu erkennen gibt, wenn man sich auf sie einlässt. Dann wird nämlich ihr eigentlicher Charakter und ihre Persönlichkeit sichtbar. Dass hier der Glamour der internationalen Hochfinanz und die unkomplizierte Offenheit und Neugier eines Dorfes nebeneinander und miteinander so gut bestehen können, hat mich immer begeistert. Ebenso wie die Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und sich gegenseitig nicht nur mit Toleranz, sondern auch voller Neugier auf das Andersartige begegnen.

Zu dieser unaufgeregt und unaufgesetzt kosmopolitischen Mischung, die in Deutschland wohl einzigartig ist, passt, dass man sich in Frankfurt keinem Diktat unterwirft. Hier sagt man, was man denkt, zieht an, was einem gefällt, und freut sich, wenn man von kürzeren oder längeren Reisen an den Main zurückkehrt.

 

Dieser Artikel stammt aus MERIAN Heft Nr. 05/2016© MERIAN

Wie so viele Frankfurter kam auch ich ursprünglich nicht mit dem Vorsatz an den Main, dort lange zu bleiben. Mich zog es allein aus beruflichen Gründen nach Frankfurt, und da es mein erster Job war, vermutete ich, dass ich hier für vier bis fünf Jahre sein würde. Am Ende waren es achtzehn Jahre. Meine erste Bleibe war eine kleine Wohnung im Nordend mit erbsengrün gekacheltem Miniaturbad. Um die Ecke befand sich das legendäre Café Größenwahn, bis heute eines der Klassiker-Lokale der Stadt. Die Frankfurter sind ihren Lieb- lingen treu, wenn man ihnen die Chance dazu lässt – und das ist keineswegs immer der Fall, weil die rasanten städtebaulichen Veränderungen, denen Frankfurt unterworfen ist, unweigerlich viele andere Transformationen mit sich bringen.

Der ständige Wandel zum Höher-schicker-teurer ist hier besonders sichtbar, weil er auf vergleichsweise kleinem Raum stattfindet. In meiner Zeit habe ich nicht nur die Veredelung und Ausweitung der Innenstadt erlebt, sondern auch, wie ein Quartier nach dem anderen gentrifiziert wurde: die Bahnhofsgegend, der Osthafen, der Westhafen, Teile des Gallusviertels oder von Niederrad. Dass die Stadt in den vergangenen zwanzig Jahren ansehnlicher und dabei auch noch lebenswerter geworden ist, hat weniger mit den Fassaden zu tun als vielmehr mit dem, was hinter ihnen los ist. Und das ist in Frankfurt vor allem: Kultur. Die Dichte der wissenschaftlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen, von Kulturinstitutionen wie Museen, Konzerthäusern und Opern, Orten der Literatur, des Theaters, des Tanzes, des Designs und der Neuen Musik findet in größeren Städten nicht ihresgleichen.

Das Glück der kurzen Wege

Am Museumsufer ist mir das Liebieghaus trotz der Nachbarschaft des imposant erweiterten Städels der liebste Ort – einerseits wegen seiner herrlichen Sammlung von Skulpturen von der Antike bis zum Klassizismus, die man werktags oft in großer Ruhe betrachten kann, andererseits wegen der familiären Atmosphäre, die in der ehemals privaten Villa am Schaumainkai herrscht, bis hin zum selbst gemachten Kuchen im Gartencafé. Auf der gegenüberliegenden Seite des Mains winken Oper und Schauspiel mit Programmen, auf die man aus den echten Großstädten nicht mehr nur mit Respekt, sondern durchaus auch mit Neid schaut. Und wenn das Freie Deutsche Hochstift nicht mehr allein im Goethehaus am Großen Hirschgraben ein Schaufenster hat, sondern seine jahrhundertelange engagierte Forschungs- und Sammlungstätigkeit künftig im geplanten Romantik-Museum sichtbar machen kann, wird der Geist jener Epoche, die uns Deutsche bis heute prägt, am Main auf einzigartige Weise zu erleben sein.

Die Institution jedoch, die ich von allen Wasserlöchern des Kulturlebens in Frankfurt am häufigsten besucht habe und der ich mich am innigsten verbunden fühle, ist das Literaturhaus. Dessen Umzug aus der gemütlichen Villa im Westend in die herrschaftliche, aber nicht gerade zentral gelegene Alte Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht war für Leitung und Mitarbeiter und auch für das Publikum eine – bestandene – Herausforderung. Denn in Frankfurt wird keineswegs automatisch alles bejubelt, was nach außen hin fraglos eine Verbesserung darzustellen scheint. Zumal die Politik danach trachtet, Frankfurt und die Region Rhein-Main auf Augenhöhe mit Berlin, Hamburg und München zu heben. Die Frankfurter aber wissen, dass zwar viele Wege in die genannten Metropolen führen, aber kaum einer an ihrer Stadt vorbei. In meinen Jahren hier habe ich mich daran gewöhnt, dass häufiges Unterwegssein und der Schlaf im eigenen Bett keine Gegensätze sein müssen, weil man es vom Main aus nirgendwohin richtig weit hat – die Nähe des Großflughafens ist einer der vielen lebenspraktischen Vorzüge dieser Stadt, in der zum Glück fast alle Wege kurz sind.

Viermal bin ich in meiner Frankfurter Zeit umgezogen, zunächst vom Nordend ins nördliche Westend, von dort gen Süden nach Niederrad und zum Schluss noch mal nach Neu-Isenburg, das offiziell zu Offenbach gehört. Dass die Jahre in Niederrad die schönsten waren, hat vor allem mit dem zinnenbewehrten Main Plaza Hotel zu tun, genauer: mit der darin untergebrachten Harry’s New York Bar, wo ich vor zehn Jahren den wahrscheinlich folgenreichsten Cocktail meines Lebens zu mir nahm. Danach lernte ich Frankfurt und Umgebung an der Seite meines Mannes und seiner Kinder noch mal ganz neu kennen; allen voran das Papageno-Theater im Palmengarten, das Senckenbergmuseum, den Feldberg zur Pilz- und Rodelsaison, den Wildtierpark Alte Fasanerie in Hanau, das Niederräder Licht- und-Luft-Bad, den herrlich weitläufigen Spielplatz im Holzhausenpark, bei schlechtem Wetter das Rebstock-Bad, bei Sonne die mobile Brasil-Cocktailbar am Mainufer. Überhaupt der Main: Im Sommer ist er der Hauptanziehungsort, ganz gleich, ob man zur Gerbermühle radelt oder spaziert oder auf Inline-Skates vom Offenbacher Hafen vorbei am Rumpenheimer Schloss bis nach Mühlheim fährt.

Was Frankfurt ausmacht, sind aber letztlich nicht die Orte und Spielstätten, die Geschäfte und Lokale, ja nicht einmal die jährliche Buchmesse (obwohl die eine besondere Rolle spielt) – es sind die Menschen in ihrer für Frankfurt typischen und in der Republik einzigartigen Mischung aus Finanz, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Es sind Kinobesuche, bei denen man bei einem Film in der Originalfassung von Türkisch über Urdu, Russisch und Spanisch bis hin zu australischem Englisch jede Sprache im Publikum vernimmt außer Deutsch. Es ist ein Friseursalon wie "Headlines" im Westend, wo eine in Polen aufgewachsene Britin zusammen mit einem Südafrikaner und einer Sizilianerin ihren Kundinnen und Kunden den Kopf nicht nur äußerlich erfrischen und man anschließend bei Petersen nebenan ein kleines Vermögen für Delikatessen ausgeben kann. Fremdes und Fernes familiär und verwandt erscheinen zu lassen, das ist Lebenskunst à la Frankfurt.

Der typische Frankfurter, wie ich ihn wahrnehme und wie ich bis vor Kurzem selbst einer war, ist nur selten hier geboren oder aufgewachsen. Er kam des Jobs oder des Studiums wegen, hatte keine großen Erwartungen an die Stadt und beschloss, das Beste aus seiner Zeit hier zu machen. Diese Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich einzulassen, spürt man auf Schritt und Tritt. Und wer sie mitbringt, kann sich auf positive Überraschungen gefasst machen in einer Frequenz, die das Bleiben leichter macht als das Gehen.

Nur eines ist schade: dass viele Menschen immer noch so wenig wissen über diese großartige Stadt. Ich werde Frankfurt jedenfalls auch von München aus Liebeserklärungen machen – nicht aus Notwehr, sondern aus Überzeugung.

 

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